Der Angstbezwinger

Jürgen Margraf hat eine Therapie gegen Panikattacken entwickelt, die erstaunlich schnell wirkt. Als Humboldt-Professor an der Ruhr-Universität Bochum untersucht der Psychologe jetzt, wie Menschen seelisch gesund bleiben.

Text: Anke Brodmerkel (erschienen im Kosmos Dez/2013)

Es gibt Momente, da bekommen es selbst Angstforscher mit der Angst zu tun. Jürgen Margraf kennt viele solcher Momente. An einen erinnert er sich besonders gut. „Es war bei meinem ersten Tauchgang im Meer“, erzählt der Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie in seinem Büro auf dem Campus der Bochumer Ruhr-Universität. An der Wand hängen zwei Zeichnungen seiner Kinder, ein Auto und ein Clown. Ansonsten dominieren Bücher den Raum. Viele von ihnen hat Margraf selbst geschrieben.

Die Angst griff unter Wasser nach ihm, während eines Familienurlaubs in der Türkei. Voll aus gestattet mit Neoprenanzug, Tarierweste, Bleigewichten, Sauerstoffflasche, Schnorchel, Brille und Flossen ließ sich Margraf per Rückwärtsrolle vom Steg aus ins Meer gleiten. Er versuchte zu atmen, doch ihm blieb die Luft weg. „Ich dachte, der blöde Lungenautomat funktioniert nicht“, erzählt er. Margrafs Herz fing an, laut und schnell zu pochen. Doch dann mahnte er sich zur Ruhe. Es gelang ihm, einen tiefen Atemzug zu nehmen, dann noch einen. „Natürlich“, sagt er, „war mit der Ausrüstung alles in Ordnung.“

Es fällt schwer sich vorzustellen, dass diesen Mann auch mal die Angst packt. Er ist groß, deutlich über 1,90 Meter. Seine Haltung ist lässig, die Kleidung – Jeans, hellblaues Hemd, darüber ein dezent kariertes, braunes Jackett – ist es auch. „Gar keine Angst zu haben, ist nicht gesund“, sagt Margraf. „Erst wenn sie sich nicht mehr kontrollieren lässt, wird sie zur Gefahr.“

Ihre Ängste zu kontrollieren, hat Margraf schon Hunderten von Patienten beigebracht. Gemeinsam mit seiner Frau, der Kinder- und Jugendpsychologin Silvia Schneider, mit der er seit 24 Jahren zusammenlebt und -arbeitet, entwickelte Margraf bereits in den 1980er-Jahren das Marburger Therapiemodell: eine nur 15-stündige Behandlung, die Menschen von ihren Angststörungen befreit. Die Patienten lernen dabei nicht nur, sich den angstauslösenden Situationen zu stellen, sondern sie erfahren auch, wie ein Panikanfall entsteht.

Bekannt geworden ist der Mechanismus, der sich hinter einer solchen Attacke verbirgt, als das Margraf'sche Teufelskreismodell. Demnach kommt es, ausgelöst zum Beispiel durch Stress oder Bewegung, zu körperlichen Reaktionen wie Herzklopfen, Atemnot und Ähnlichem. Während ein gesunder Mensch all dem nicht viel Beachtung schenkt, registriert ein Angstpatient aufmerksam seine Symptome. Sie ängstigen ihn, wodurch sein Gehirn vermehrt Stresshormone ausschüttet. Das wiederum verstärkt die körperlichen Reaktionen. Die Panik ist im Anmarsch. „In dieser Situation glauben die Patienten, auf der Stelle sterben zu müssen“, sagt Margraf. Sie müssen daher lernen, ihre körperlichen Symptome neu zu bewerten.

Die Todesangst, die seine Patienten erleben, ist einer der Gründe, warum er vor ihnen größte Achtung hat. „Ein Agoraphobiker denkt ja tatsächlich, dass sein Herz stehen bleibt, wenn er ins Kaufhaus geht“, sagt Margraf. „Und dennoch ist er bereit, das Risiko auf sich zu nehmen – nur weil ich als Therapeut ihm sage, dass er sich der Gefahr stellen muss und seine Angst dann langsam nachlassen wird.“ Dies ist ein Punkt, auf den Margraf auch in der Ausbildung großen Wert legt: „Jeder Therapeut muss sich klarmachen, was diese Menschen leisten.“

LANGZEITERFOLG BESTÄTIGT Dass seine Kurzzeittherapie zu einer dauerhaften Heilung der Angststörung führt, hat der im März 2010 als Humboldt-Professor ausgezeichnete Psychologe gerade erst bewiesen. Er konnte Patienten aufspüren, die er vor mehr als zwanzig Jahren behandelt hat. Die große Mehrheit hat seither nie wieder eine Panikattacke erlitten.

Die Psyche des Menschen hat Jürgen Margraf schon in seiner Jugend fasziniert. „Die Idee, Psychologie zu studieren, kam mir in der 11. Klasse“, erzählt er. Margraf besuchte zu jener Zeit die Deutsche Schule in Brüssel. Seinem Vater, einem Manager, der sich nach einem Hauptschulabschluss hochgearbeitet hatte, war in der belgischen Stadt fünf Jahre zuvor ein Job angeboten worden.

„Ich sollte damals ein Referat zum Thema Utopien halten“, erinnert sich Margraf. Er entschied sich dafür, den Roman des US-Psychologen B. F. Skinner, „Walden Two“, vorzustellen. Skinner beschreibt darin seine Vision einer friedlich zusammenlebenden Gesellschaft, die weder Besitz noch Strafe kennt. „Ich war zu der Zeit revolutionär drauf, dachte, wir müssen die Welt verändern“, erzählt Margraf. Die Ideen Skinners, die auf den Erkenntnissen der modernen Verhaltenspsychologie basierten, fesselten den damals 17-Jährigen.

Für ein Psychologiestudium reichten seine Noten allerdings nicht. „Ich war ein fauler Schüler“, sagt Margraf. Er schrieb sich deswegen an der Ludwig-Maximilians-Universität München für die Fächer Soziologie und Völkerkunde ein – und musste schnell feststellen, dass ihn das seinen Zielen keinen Schritt näherbrachte: „Ich wollte wissen, wie der Mensch funktioniert, was ihn ausmacht, was ihn antreibt.“

Margraf ging zurück nach Brüssel, wo es für das Fach Psychologie keinen Numerus clausus gab. „Das Studium dort war mir aber viel zu verschult“, sagt er. Er blieb eingeschrieben, jobbte die meiste Zeit in einem Büro – und war mit seinem Leben unzufrieden. Dann beschloss er, sich als Quereinsteiger noch einmal für ein Psychologiestudium in Deutschland zu bewerben. „Ich nahm mir fest vor: Wenn ich das schaffe, werde ich ein paar Dinge anders machen“, erinnert er sich.

Margraf bekam einen Studienplatz in Kiel, sammelte dort bei Urs Baumann als Hilfskraft erste Erfahrungen und wechselte vor dem Diplom nach Tübingen, wo Niels Birbaumer sein Mentor wurde. Mit dem Diplom in der Tasche ging er gemeinsam mit seiner damaligen Freundin an die Stanford University. Von dort aus besuchte er schon als 27-Jähriger überall in den USA Kongresse, auf denen er mit seinen eigenen Daten die damals gängigen Theorien zur Entstehung einer Panikattacke widerlegen konnte.

FERNZIEL PRÄVENTION Heute genießt Margraf als längst etablierter und anerkannter Wissenschaftler die Freiheit, die die Humboldt-Professur ihm gibt: „Durch sie kann ich endlich breit und langfristig angelegte Forschungsprojekte verwirklichen“, sagt er. „Ich muss keine Gutachter überzeugen, sondern kann meine Projekte genau so gestalten, wie ich es für richtig halte.“

Gemeinsam mit seiner Frau hat er in Bochum das Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit aufgebaut, wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die unter Panikattacken oder Phobien leiden, kompetente Hilfe finden. Darüber hinaus laufen an dem Zentrum verschiedene Studien, die sich mit der Entstehung von Ängsten befassen.

Margrafs Herzensprojekt aber, das ohne die Humboldt-Mittel vermutlich gar nicht möglich wäre, ist eine Langzeitstudie, die sich mit der großen, noch ungelösten Frage beschäftigt, wie Menschen psychisch gesund bleiben. „Auf jeden Patienten, der psychotherapeutisch behandelt wird, kommen zwei, drei gesunde Menschen, die ihr Leben anscheinend ganz gut auf die Reihe kriegen“, sagt Margraf. „Was mich interessiert, ist: Wie schaffen die das? Welche Faktoren sind es, die sie psychisch gesund halten?“ Und da Margraf gern in großem Maßstab denkt, soll seine Forschung nicht auf Deutschland beschränkt bleiben. „Wir werden den gleichen Fragen auch in Ruanda, China, Russland und den USA nachgehen“, sagt er.

Sein berufliches Lebensziel ist es, eine Basis dafür zu schaffen, dass seine Kollegen künftig stärker präventiv arbeiten können. „Meine Hoffnung ist, dass man eines Tages nicht mehr warten muss, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern vorher tätig werden kann“, sagt er.

Um dieses Ziel zu erreichen, nimmt er es hin, dass seine Arbeitstage derzeit sehr ausgefüllt sind. Jürgen Margraf reist viel, nicht nur wegen seiner Forschung, sondern auch in seiner Funktion als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, der er seit 2012 vorsteht. Er hält Vorlesungen und Seminare. „Trotzdem versuche ich, mir auch Zeit für kreative Dinge, das Denken und Schreiben, zu nehmen“, sagt er. Rund 400 wissenschaftliche Artikel hat Margraf in seiner Karriere bereits verfasst.

Und dennoch strahlt der 57-Jährige eine große Ruhe aus. „Ich lebe das, was ich meinen Patienten beibringe“, sagt er. „Und dazu gehört, sich Zeit für die Muße zu nehmen.“ In seiner Freizeit liest Margraf viel, er hört Musik, treibt Sport, werkelt im Garten, kocht gern, am liebsten zusammen mit seiner Frau, er interessiert sich für Weine und Archäologie. „Und wir pflegen Freundschaften“, sagt er.

Für sich persönlich strebt Jürgen Margraf nämlich vor allem eins an: eine gute Balance zwischen seiner Arbeit und den anderen Facetten des Lebens zu erreichen. „Ich will für meine Freunde immer da sein, für meine Frau, meine Kinder – und hoffentlich bald auch für meine Enkel.“ Auf sein Dasein als Großvater freut der Forscher sich schon jetzt. Auch reisen möchte er mit seiner Familie weiterhin viel. Nur ein Tauchurlaub ist nicht mehr geplant: „Wir haben“, sagt er, „stattdessen das Schnorcheln für uns entdeckt.“