Oben ist noch Platz

Spitzenforscherinnen sind rar, auch bei der Humboldt-Professur. Was Wissenschaft und Stiftung gegen den Mangel tun.

Text: Lilo Berg (erschienen im Kosmos Dez/2013)

Am IBM Forschungszentrum in Zürich schmückt man sich gern mit der erfolgreichen Physikerin Heike Riel. Als die Technische Universität München vor einem Jahr mit einer Humboldt-Professur winkte, waren ihre Chefs sofort alarmiert. Sie ernannten die Professorin zum IBM Research Fellow und verliehen ihr damit die höchste Auszeichnung der Firma. Ein Fellow hat fünf Jahre lang alle Freiheiten und ein stattliches Forschungsbudget – ganz wie die Humboldt-Professoren. Heike Riel sagte in München ab und blieb in Zürich. „IBM wollte diese Forscherin auf keinen Fall verlieren, was ich gut verstehe“, sagt Helmut Schwarz, der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung. Er kennt den Kampf um die raren Spitzenwissenschaftlerinnen.

Unter dem Druck von Gesellschaft und Politik machen sich die Wissenschaftsorganisationen untereinander Konkurrenz und auch die Wirtschaft bietet mit. Das führte bei der Humboldt-Professur dazu, dass zwischen 2009 und 2013 nur elf Frauen gegenüber 127 Männern nominiert wurden, was einem Anteil von gerade einmal acht Prozent entspricht. Tatsächlich angetreten haben ihre Professur in diesem Zeitraum 33 Männer und nur eine Frau – neben Heike Riel entschied sich eine weitere Kandidatin für das attraktive Bleibeangebot ihres Heimatinstituts.

„Der Frauenanteil ist uns zu gering, selbst wenn man bedenkt, dass es in dem Topsegment, aus dem sich die Humboldt-Professuren rekrutieren, nicht sehr viele Frauen gibt“, sagt Helmut Schwarz. In Deutschland sind nur elf Prozent der Spitzenposten außeruniversitärer Forschungseinrichtungen an Frauen vergeben und an den Universitäten beträgt ihr Anteil bei den W3-Lehrstühlen lediglich 15 Prozent.

Ähnlich sieht es im übrigen Europa aus und selbst in den USA ist es nur leicht besser: Rund 25 Prozent der Full Professors sind dort weiblich.

EINSAME FRAUEN „Überall auf der Welt verlieren junge Wissenschaftlerinnen ihren Mut und geben auf“, sagt Emmanuelle Charpentier. Die französische Molekularbiologin wird ihre Humboldt-Professur im Januar 2014 antreten, als zweite Frau seit Beginn des Programms. Zuvor forschte die 45-Jährige in den USA, Frankreich, Österreich und Schweden. Sie kennt die Einsamkeit der weiblichen Postdocs, die – anders als ihre männlichen Kollegen – meist ohne Partner ins Ausland gehen, um in einem renommierten Institut Meriten zu sammeln. Die Postdoc-Zeit, die für viele mit Anfang 30 beginnt, ist die anstrengendste und unsicherste Phase in einem Forscherleben. Was es bedeutet, wenn gerade dann der Rückhalt zu Hause fehlt, kommt in der akademischen Gender-Debatte bisher kaum vor. Und wenn, dann im Zusammenhang mit anderen sogenannten weichen Faktoren: den Gleichstellungsdefiziten in Deutschland oder der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Für eine junge Forscherin kann das alles zu viel sein. Die Gefahr ist groß, dass sie ihre akademische Karriere zwischen Promotion und erster Berufung abbricht. Wie die She-Statistik der EU-Kommission zu Frauen in der Wissenschaft von 2012 zeigt, liegt der Frauenanteil unter den Studierenden Europas derzeit bei 55 Prozent. Bei den Absolventen sind es sogar 59 Prozent, bei Doktoranden immerhin 46 Prozent und bei Professoren aller Stufen zusammen nur noch 20 Prozent.

Das viel zitierte Leck in der Pipeline schließt sich nur langsam – trotz erhöhter Gleichstellungsaktivitäten. Dazu gehört das sogenannte Kaskadenmodell, auf das sich die deutschen Wissenschaftsorganisationen im Jahr 2011 verständigt haben: Demnach sollen Frauen im Aufstiegsprozess so zum Zuge kommen, wie sie auf der jeweils vorhergehenden Stufe vertreten sind. Aber leider entsprechen die bisherigen Ergebnisse noch nicht den Erwartungen. Die Forschungseinrichtungen müssten sich deutlich mehr als bisher einfallen lassen, rügten im Sommer die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern. Unüberhörbar steht dahinter die Drohung, eine feste Quote einzuführen.

Emmanuelle Charpentier lehnt die Frauenquote ab. Das wäre eine positive Diskriminierung von Wissenschaftlerinnen, die ihrer Ansicht nach mehr schadet als nützt. Schon jetzt spürt die Französin unausgesprochene Vorbehalte: „Die Kollegen denken, die hat den Posten doch nur bekommen, weil sie eine Frau ist.“ Aber davon will Charpentier sich nicht beirren lassen. Sie ist überzeugt, dass Frauen in der Wissenschaft genauso gut sein können wie Männer: „Und was letzten Endes zählt, ist doch die Qualität der Arbeit.“

Es ist eine schwierige Übergangssituation mit hohen Zielzahlen einerseits und einer kleinen Zahl von Spitzenforscherinnen andererseits. Diese haben zwar Chancen wie nie, sind aber auch enormen Erwartungen ausgesetzt: im Labor, als Vorbilder für junge Frauen, in der Gremienarbeit. Auch die Forschungsorganisationen stehen vor großen Herausforderungen: Sie müssen mehr weiblichen Führungsnachwuchs für morgen ausbilden und auf dem knappen Markt von heute die besten Forscherinnen für sich gewinnen.

Hier sind neue Ideen gefragt. Die Alexander von Humboldt-Stiftung zum Beispiel schlägt vor, zusätzliche Mittel für die Humboldt-Professur bereitzustellen: für den Fall, dass eine Berufung nur gelingt, wenn auch der Partner oder die Partnerin des Preisträgers eine Professur erhält. Gerade herausragende Forscherinnen haben oft einen wissenschaftlich hoch qualifizierten Partner.

Neue Strategien bei der Rekrutierung werden an der Technischen Universität Berlin erwogen. Deren Präsident Jörg Steinbach würde gern einschlägig erfahrene Headhunter, die der universitären Kultur nahestehen, mit der Suche nach qualifizierten Frauen beauftragen: „Wir müssen auch im außerdeutschen Sprachraum suchen, etwa in Skandinavien, wo es viele exzellente Ingenieurwissenschaftlerinnen gibt.“ Den Wettbewerb mit der Wirtschaft um Spitzenforscherinnen sieht Steinbach gelassen: „Familie und Kinder sind mit einer Professorenstelle oft besser in Einklang zu bringen als mit einem Vorstandsposten.“

HOFFEN AUF DIE TRENDWENDE In der nächsten Wissenschaftlergeneration könnte es schon paritätischer zugehen. In der Altersgruppe unter 40 Jahre sind viele herausragend qualifizierte Wissenschaftlerinnen, von denen einige es vielleicht bis an die Weltspitze bringen. Voraussetzung wäre jedoch, dass sie sich dem Wettbewerb dauerhaft aussetzen wollen. Emmanuelle Charpentier hat da ihre Zweifel. Nachwuchskräfte beiderlei Geschlechts, berichtet sie, scheuen oft die Leitung einer Gruppe, weil ihnen das zu viel ist: „Vielleicht ist diese Generation etwas bequemer.“

Andere Erfahrungen macht die Humboldt-Stiftung mit ihrem Sofja Kovalevskaja-Programm. Der Preis fördert junge Forscher, die als Gruppenleiter am Anfang ihrer Karriere stehen. Die Bewerberzahlen steigen kontinuierlich und der Frauenanteil unter den Geförderten ist hoch, aktuell liegt er bei 50 Prozent. Statt im zweijährigen Takt würde die Humboldt-Stiftung die Auszeichnung künftig gern jährlich vergeben. Die Preisträgerinnen könnten die Humboldt-Professorinnen von morgen sein.

Ob die Trendwende schon in Sicht ist? Die Auswahlliste für die Humboldt-Professur 2014 verzeichnet neben sieben Männern immerhin schon drei Frauen. Emmanuelle Charpentier hat fest zugesagt. Die beiden anderen Forscherinnen müssen sich noch entscheiden.